Auch wenn es zwischen Paaren manchmal heiß hergeht, beginnt es oft mit einem stillen Bindungsalarm im Inneren: Bin ich dir wichtig – oder bin ich allein?
- „Es geht um mich.“ (Ich zähle. Ich habe Bedürfnisse. Ich darf Raum einnehmen.)
- „Es geht nicht um mich.“ (Ich bin Teil von etwas Größerem. Andere zählen auch. Ich trage Verantwortung.)
Und das Spannende ist: Diese Dualität beginnt nicht irgendwann in der Pubertät oder im Job – sie beginnt ganz am Anfang.
Der erste Lernraum heißt Beziehung
Ein Baby kommt auf die Welt und hat eine radikal einfache Wahrheit im Gepäck: Ich bin abhängig.
Wenn es weint, stellt es (ohne Worte) genau diese Frage:
„Geht es hier um mich? Bin ich wichtig genug, dass jemand kommt?“
Die Antwort, die das Nervensystem über viele Wiederholungen bekommt, wird zur inneren Landkarte.
Und dann kommt das zweite große Lernfeld dazu: Geschwister, Elternstress, Zeitmangel, Überforderung. Plötzlich ist da nicht nur „ich“, sondern ein „wir“ – und das Kind spürt:
„Ah. Manchmal geht es um mich. Und manchmal nicht.“
Das ist nicht falsch. Das ist Leben. Nur: Wie damit umgegangen wird, macht einen Unterschied.
Unsichere Bindungsstile als clevere Lösungen für die Dualität
In der Bindungssprache: Wenn emotionale Sicherheit wackelig ist, entstehen Schutzstrategien.
Unsicher-ambivalent (häufig „Protestieren“):
Wenn Nähe unzuverlässig ist, wird das Signal lauter. Mehr Gefühl, mehr Dringlichkeit, mehr „Sieh mich!“ – nicht, weil jemand „Drama“ will, sondern weil das System gelernt hat: Sonst komme ich nicht an.
Der Pol klingt dann innerlich wie: „Es muss um mich gehen – sonst verliere ich dich.“
Unsicher-vermeidend (häufig „Verwalten“):
Wenn Nähe eher beschämt, überfordert oder nicht verfügbar ist, wird das System effizient. Es zieht sich zurück, organisiert sich selbst, reguliert sich über Aktivität, Leistung, Natur, Musik, Denken, Ablenkung.
Der Pol klingt dann wie: „Es geht besser, wenn es nicht um mich geht.“ (Oder: Wenn ich nichts brauche, kann ich nicht enttäuscht werden.)
Beide Strategien sind im Kern Beziehungsintelligenz – nur eben entstanden unter Bedingungen, in denen echtes Anlehnen nicht sicher genug war.
Diese beiden Pole, Protestieren (Nähe einfordern, Alarm schlagen, Druck machen, um Verbindung wiederherzustellen) und Verwalten (regulieren, organisieren, beruhigen, kontrollieren – oft auch durch Abstand oder „funktionieren“), können in allen fünf Überlebensstrategien auftauchen und je nach Situation, innerem Stresslevel und Gegenüber kann dieselbe Person mal protestieren und mal verwalten. Diese Bindungsstile sind also nicht fix – sie können sich im Verlauf einer Beziehung verschieben (z. B. nach Erschöpfung, Affären, Lebensübergängen) oder zwischen Beziehungen ganz anders ausfallen, weil jedes „Wir“ seine eigene Dynamik hervorbringt.
Gesellschaften haben auch Bindungsstile
Was wir „Kultur“ nennen, ist oft eine Art kollektive Antwort auf dieselbe Frage:
Darf ich zählen – oder muss ich mich einfügen?
Ein sehr konkretes Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum ist die NS-Erziehungslogik, die in Ratgebern wie „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ (Johanna Haarer, ab 1934) eine harte Linie propagierte: Nähe begrenzen, Schreien ignorieren, „Härte“ als Tugend.
Und gleichzeitig ist beschrieben, dass Haarers Bücher auch nach 1945 (überarbeitet, teils ohne den ursprünglichen Kontext klar zu markieren) weiterverbreitet wurden – bis in späte Auflagen hinein.
Das ist kein einfacher „Schuld“-Pfeil auf einzelne Eltern. Eher ein Blick darauf, wie tief sich ein kollektives „Es geht nicht um dich“ in Körper und Alltag einschreiben kann – und wie lange solche Spuren bleiben.
Heute kippt das Pendel in vielen westlichen Kontexten spürbar Richtung Individualisierung: Selbstverwirklichung, persönliches Glück, Optimierung. Das kann befreiend sein – und gleichzeitig kann es das „Wir“ ausdünnen, wenn das Gemeinsame nur noch Bühne für Einzelziele ist. Für manche klingt das längst wie ein Lebensmotto: „Ich wünsche dir ein geiles Leben.“
Zwei Geschichten als Spiegel: Loslassen und Weitblick
Dieses Spannungsfeld lässt sich auch in alten Erzählungen wiederfinden.
Buddhas „Großer Aufbruch“ wird in vielen Traditionen als der Moment erzählt, in dem Siddhartha sein Leben im Palast verlässt – und damit auch Frau (Yasodhara) und Kind (Rahula) zurücklässt. Ob man das spirituell verehrt oder menschlich kritisch anschaut: Als Bild berührt es genau diese Frage:
Was passiert, wenn „nicht ich“ so groß wird, dass konkrete Bindungen verdorren?
Und dann gibt es die bekannte „Sieben-Generationen“-Idee, die oft mit Haudenosaunee/Irokesen-Kontexten verbunden wird: Entscheidungen so treffen, dass auch die kommenden Generationen profitieren. Obwohl der populäre Wortlaut unterschiedlich zugeschrieben wird, bleibt die Grundidee kraftvoll – als Gegenmittel gegen Kurzfristigkeit und Ego-Alleingänge.
Beides zusammen zeigt schön:
- Loslassen kann Weisheit sein – oder Flucht.
- Gemeinwohl kann Liebe sein – oder Selbstverlust.
Das Kriterium ist oft nicht die Idee, sondern der Kontakt: Bin ich innerlich verbunden – mit mir, mit anderen, mit dem Leben?
Die gesunde Mitte ist nicht „entweder-oder“, sondern „sowohl-als-auch“
Reife Bindung (und reife Gesellschaft) heißt nicht: „Immer ich“ oder „nie ich“.
Sondern eher:
- Ich darf wichtig sein, ohne dass andere unwichtig werden.
- Ich kann Teil des Ganzen sein, ohne mich selbst zu verlassen.
Oder in Beziehungssprache: Autonomie und Verbundenheit als Team – nicht als Gegner.
Mini-Übung für den Alltag: „Innehalten & Spüren“
Wenn Sie merken, dass Sie in einem Konflikt innerlich kippen (in Protest oder Rückzug), probieren Sie das für 30–60 Sekunden:
- Innehalten. (Wirklich kurz stoppen – auch mitten im Satz, wenn möglich.)
- Spüren. Wo im Körper ist es gerade eng, heiß, schwer, leer?
- Benennen (leise, innerlich):
- „Ein Teil von mir hat Angst, dass es nicht um mich geht. Ich spüre, wie ich mich im Verwalten verliere.“
- oder: „Ein Teil von mir hat Angst, dass es nur um mich gehen muss, weil sonst niemand da ist. Ich merke, wie ich innerlich ins Protestieren abdrifte.“
- oder: „Ich werde gerade unsicher und sehne mich nach Nähe. Ich bleibe bei mir – und ich wende mich dir zu.“
- Realitätscheck
Ist das hier gerade heute – oder fühlt es sich auch nach früher an?
Welche zwei, drei Hinweise habe ich im Hier und Jetzt?
Und welche Fragen wären fair, statt zu unterstellen?
(z. B. „Bist du gerade bei mir?“ „Bin ich dir wichtig?“) - Ein kleiner Satz nach außen, der Verbindung sucht (mutig, ohne zu klagen oder zuzumachen):
- „Ich glaube, ich benötige gerade ein Zeichen, dass ich dir wichtig bin.“
- „Ich merke, ich möchte mich zurückziehen – und gleichzeitig bist du mir wichtig.“
- „Ich bin gerade verletzt und wünsche mir, dass wir uns wiederfinden. Kannst du kurz bei mir bleiben?“
Das ist kein Zaubertrick. Aber es verschiebt oft den Raum: weg von „Wer hat recht?“ hin zu „Wer braucht gerade Sicherheit?“.
Vielleicht ist das der leise Kern: Es geht nicht um „wer hat recht“, sondern darum, wie wir miteinander Sicherheit schaffen. Oft handeln wir damit – bewusst oder unbewusst – im Dienst der nächsten Generation. Nicht als heroischer Auftrag, sondern als alltägliche, manchmal unbeholfene Entscheidung, Beziehung ein Stück verlässlicher zu machen.
Wir handeln täglich im Dienst der nächsten Generation – doch selten erkennen wir das als unseren Sinn.
Unsere Emotionen sind nicht das Problem – sie sind die Musik, nach der wir tanzen. EFT lädt uns ein, hinzuhören: Was bewegt mich wirklich? Wovor habe ich Angst? Wonach sehne ich mich? Wenn das sichtbar wird in einem Raum, der Sicherheit und Halt bietet, entsteht Mut für echte Verbindung: Es geht um mich, es geht um dich – und es geht um uns. Im Beitrag Emotionen in der EFT-Paarberatung – die Musik im Tanz der Liebe erfahren Sie mehr darüber, wie die bindungsbasierte EFT Paare begleitet, emotional sichere Verbundenheit zu gestalten.
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